Kopenhagen 1: Dem Himmel so nah

CN: Krematorium

„Siehst du die letzte Reihe Lichter am Horizont? Das ist Schweden“, hat Laura mir gestern Nacht so ganz nebenbei erzählt. Und ja, von Lauras Wohnung im 23. Stock kann man tatsächlich bis nach Schweden schauen. Wenn man nicht gerade von der Sonne geblendet wird – ich habe nämlich unverschämtes Glück mit dem Wetter an diesem Wochenende. Also Sonnencreme drauf und los.

Morgens habe ich mir auf dem Weg zu einer Kirche erst einmal eine andere Kirche angeschaut. Vor der Sankt Tomas Kirke habe ich den sehr sympathischen Küster getroffen, der draußen ein bisschen aufgeräumt hat. Am Vorabend hatte dort nämlich eine Art Rave stattgefunden. „Yesterday there was techno, today I have a funeral“, hat er es schön für mich zusammengefasst. Weil die originalen Kirchenfenster irgendwann vor der letzten Jahrtausendwende durch Feuerwerk zerstört wurden, gibt es heute hübsche, abstrakte Buntglasfenster hinter dem Altar.

Nach meinem Plausch vor der Kirche (ich spüre, wie ihr die Augen verdreht, weil ich mich mal wieder irgendwo nett mit fremden älteren Menschen unterhalten habe) ging es durch diverse kleine Läden und Cafés. Weil ich einfach schöne Dinge mag. Sue me. 

Und weil meine zweite Kirche dann immer noch nicht geöffnet war, habe ich mir noch die Friedhofsanlage gegenüber angeschaut. Auf der Krokuswiese vor dem Krematorium hing noch viel Nebel. Es hat gedauert, bis ich gemerkt habe, dass das kein Nebel ist. Und, dass aus dem Schornstein daneben ganz schön dunkler Rauch kam. Und, dass ein Krematorium in Aktion riecht, als hätte man alle Wunderkerzen der Welt gleichzeitig angezündet.

Die Grundtvigs Kirke war dann ein ganz passender Ort, um wieder auf andere Gedanken zu kommen. Es mag ein hot take sein, aber vielleicht ist das eine der schönsten Kirchen jemals. Dass ich katholische Symbolik liebe, dürfte bekannt sein. Aber ich habe noch nie ein Gebäude gesehen, das so perfekt auf das Wesentliche reduziert wurde. Und das Wesentliche ist in diesem Fall der Blick nach oben – ob man nun dran glaubt oder nicht.

Während ich mich mit Linien und Licht auseinandergesetzt habe, musste Laura für ihre Masterarbeit schuften. Es war an der Zeit für zuckriges Gebäck und Meeresluft. Beides hat Kopenhagen glücklicherweise genug. Außerdem habe ich einen ausführlichen Rundgang durch die Innenstadt bekommen: Vom Kastellet (einer Festungsanalage, die heute gleichzeitig vom Militär und von Spaziergängern genutzt wird) ging es über eine leider schon geschlossenen Kirche am Wasser zu den Schlössern Amalienborg (wo die Königsfamilie lebt, aber nicht die Kronjuwelen sind) und Rosenborg (wo die Kronjuwelen sind, aber nicht die Königsfamilie lebt).

Langsam wurde es dann auch Zeit, die bisher 90% aus Backwaren bestehende Ernährung des Tages zu diversifizieren. Zum Abendessen gab es Ramen und ich habe mich mal wieder mit Essstäbchen blamiert. Und am letzten Ort des Tages musste ich schließlich feststellen, dass meine Geschäftsidee schon umgesetzt wurde: In der Library Bar gibt es Cocktails, die durch Bücher inspiriert wurden. Wir hatten „Persuasion“, „Orient Express“ und „Norwegian Wood“. Ich hätt‘s nicht besser gekonnt. Und bin froh, dass Dänische Kronen nicht real sind und mir nicht wehtun können.


Kommentare

Eine Antwort zu „Kopenhagen 1: Dem Himmel so nah“

  1. Ich hoffe du hast deine analoge Kamera mitgenommen, wenn am Ende nicht mindesten 10 analoge Sonnenuntergangsfotos aus dem Urlaub rauskommen bist du eine Enttäuschung.

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